Heute morgen tropfte es wieder auf das Zelt. Es hätte nicht viel gefehlt und der große zornige schwarze Kerl wäre wieder unvermittelt aus mir hervorgebrochen. Doch ein Blick gen Norden verhieß Gutes. Dort erschienen mir die Wolken heller und weniger dicht. Also entschied ich mich für Lederspeiche statt Gummi-Hulk. Dies brachte mir auch direkt die Einladung eines Norwegers auf ein Fest ein. Doch ich lehnte dankend ab mit dem Verweis auf die lange Strecke, die ich noch zu bewältigen hätte.
Allein mit Zelt und VFR 800 durch Skandinavien zum Nordkap und wieder zurück
Samstag, 23. Juni 2018
Freitag, 22. Juni 2018
22.06. Reipå -> Sandsletta (Lofoten) ~270 km
Heute ist ein besonderer Tag. Und warum? Nur für den Kick für den Augenblick? Nee weil - und das kann ich gar nicht genug betonen - es heute mal nicht geregnet hat!😊 Eine ganze Weile schien sogar die Sonne.
Zunächst stand erst einmal der Rest der FV17 auf dem Programm. 112 km hatte ich bis Bodø noch zu fahren. Landschaftlich und auch von der Kurven her gab es mal wieder nichts auszusetzen. Wobei die Straße wohl auch von vielen anderen Touristen geschätzt wird, und es deshalb dementsprechend viel Verkehr gab. Absoluter Touri-Hotspot war dann der Saltstraumen. Ein mächtiger Gezeitenstrom, der mit bis zu 40 km/h bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser hin und her bewegt. Dabei sollen gewaltige Strudel entstehen. Lediglich bei Stillwasser kehrt etwas Ruhe ein. Ist ja wohl klar, wann ich da war... Dafür durfte ich dann an einer Umfrage eines Tourismus-Instituts teilnehmen und habe jede Menge unsinnige Antworten gegeben.
Bis 11:00 Uhr mußte ich in Bodø an der Fähre sein. Da ich früh genug losgefahren war, trödelte ich viel herum. Am Ende wurde es deshalb dann aber wieder sehr knapp, da Bodø doch größer ist, als ich erwartet hatte. Kurz vor 11:00 Uhr rollte ich erleichtert rechtzeitig auf die Fähre zu den Lofoten. Die Überfahrt dauerte etwas mehr als 3 Stunden.
Hey-Ho Lofoten-Joe! Ist das Klasse hier! Es riecht zwar ein wenig nach Fisch, aber nach einer Woche in Motorradstiefeln könnte ich auch durchaus einen olfaktorischen Kontrapunkt setzen, wenn ich wollte. Mach ich aber nicht - keine Angst. Die Kombination aus Bergen, Stränden, Häfen und der irre grün leuchtenden Vegetation ist - man kann es nicht anders sagen - atemberaubend!
Was ist grün und stinkt nach Fisch? Nicht Werder Bremen...Die Lofoten! Trotzdem geht es morgen weiter Richtung Norden. Mal schauen, wie es da so ist.
Für die Statistiker:
Fahrzeit: 9 Stunden
gefahrene Strecke: 270 km
Wetter: 7° bedeckt bis 13° Sonne
maximale Schräglage: 28° 😚
Donnerstag, 21. Juni 2018
21.06. Vennesund -> Reipå 324 km
Ausgeschlafen und festen Willens, die folgende Nacht wieder im Zelt zu verbringen, brach ich um 09:00 Uhr von Vennesund auf, um den Rest der FV17 abzufahren. Bis Bodø, wo die Fähre um 18:45 Uhr Richtung Lofoten startet, waren es 433 km. Das sollte zu schaffen sein.
Die FV17 wird auf der Strecke von Steinkjer nach Bodø durch 6 Fährverbindungen unterbrochen. Eine hatte ich schon gestern von Holm nach Vennesund genommen, also blieben noch 5 übrig. Bisher hatte ich das Fährgeschäft in Norwegen folgendermaßen kennengelernt: Fähre kommt an und spuckt ganz viele Fahrzeuge aus, die Wartenden fahren auf die Fähre, wenn alle auf dem Schiff sind legt es ab und die Besatzung kassiert den Fahrpreis. Sehr effizient.
Die nächste Verbindung ging von Horn nach Andalsvågen. Um 09:45 Uhr hatte ich die 57 km bis dorthin bereits bewältigt und stand schon etwas ungeduldig am Anleger als das Schiff um kurz nach zehn eintraf. Es folgte Teil 1 der üblichen Fährprozedur. Unter anderem verließ auch ein etwas älterer Traktor die Fähre und parkte dann direkt am Anleger neben einem funkelnagelneuen Trecker. Eigentlich sollte nun Teil 2 folgen, indem alle auf die leere Fähre brettern, doch stattdessen schloß sich eine Schranke, und es passierte erst einmal nichts. "Nanu, was ist denn jetzt los? Pause? Betriebsversammlung? Mitarbeitergespräch?" Keiner wußte was. Wir standen einfach so da und warteten. Gelangweilt beobachtete ich die zwei Typen mit ihren Traktoren. Offenbar bekam der eine von dem anderen eine Einweisung in die Funktionen des nagelneuen Schleppers.
Nach etwa 45 Minuten kam dann ein Decksmann heraus und fing schon einmal an abzukassieren. Immer wieder schaute er dazwischen zu den beiden Traktor-Heinis und fing dann auch noch an, einige Fahrzeuge auf andere Spuren umzudelegieren. Irgendwann stieg derjenige, der mit dem alten Trecker angekommen war, dann in das neue Gerät, und endlich öffnete sich auch die Schranke. Mittlerweile war es 10:00 Uhr. Wir haben also alle fast eine ganze Stunde auf eine 15-minütige Überfahrt gewartet, weil Tomaten-Thoralf noch eine Einweisung in seine neue Zugmaschine brauchte. Wahrscheinlich ist er in dieser Gegend ein Jarl oder sowas und kann solche Dinge einfach so veranlassen.
Die nächsten Fährpassagen funktionierten dann wieder nach dem bewährten Prinzip. Allerdings gab es dabei auch zwei Überfahrten die sehr viel länger dauerten als die üblichen 15 Minuten. So war schnell klar, daß ich die Fähre um 18:45 Uhr in Bodø heute nicht mehr erreichen würde.
Unbemerkt habe ich übrigens auf einer der Fähren den Polarkreis überquert. Und wie ist das Wetter hier oben? Na wie es bislang immer auf meiner Reise war! Norwegischer Regen satt! Wobei es gab auch heute immer wieder ein paar längere trockene Phasen. Einmal hat sogar für 10 Minuten die Sonne geschienen. Überhaupt liebe ich es mittlerweile, meine Regensachen über die Lederkombi zu ziehen. Wenn ich dann noch meinen typisch vergnatzten Gesichtsausdruck auflege, sehe ich aus wie ein nasser schwarzer Gummi-Hulk mit Bart. Und dann werden die reservierten, leicht überheblichen Norweger zu verunsicherten Norwegern. Ein durchaus amüsanter Anblick.
Aber das mit dem Zelten habe ich heute nochmals sein gelassen. Und wenn ich gerade nach draußen schaue, war das auch eine sehr gute Idee. Außerdem sind die warmen Duschen auf dem Campingplatz kostenlos. Den Preis für die Hütte kann ich also locker wieder reinduschen.😋
Für die Statistiker:
Fahrzeit: 10,5 Stunden
gefahrene Strecke: 324 km
Wetter: 6° Regen bis 12° Sonne
maximale Schräglage: Fußraste rechts😁
Mittwoch, 20. Juni 2018
20.06. Malm -> Vennesund 211 km
So, vergangene Nacht ist es passiert! Obwohl ich ziemlich erledigt war, habe ich nicht eine Minute geschlafen. Es war einfach zu hell. Zunächst hatte ich sogar überlegt, aufgrund des Schlafmangels einen Ruhetag einzulegen. Aber eigentlich war ich trotzdem ziemlich fit, und der Gedanke an einen langweiligen Tag in Malm ließ mich die Ruhetagsidee schnell wieder verwerfen. Lieber wollte ich heute schon einen Teil der Küstenstraße FV17 befahren und dann rechtzeitig Feierabend machen, um das Zelt und die restlichen nassen Sachen zu trocknen.
Ich startete standesgemäß bei 6° Regen und Wind. Mittlerweile macht mir das Wetter nicht mehr viel aus. Nur wenn sich soviel Wasser auf Visier und Brille befindet, daß ich nichts mehr sehe, nervt es noch. Das ist dann quasi so ein bißchen wie bei Media Markt Leipzig: "WO KANN MAN DENN MAL... HIER...DAẞ MAN MAL WAS SIEHT!"
Die FV17 ist bis kurz hinter Namsos nicht besonders aufregend. Es herrscht für norwegische Verhältnisse sogar relativ viel Verkehr. Allerdings fällt sofort auf, daß sie im Gegensatz zu den anderen norwegischen Straßen in einem relativ guten Zustand ist. Hier muß man sich nicht seine Linie zwischen Schlagloch und Bodenwelle suchen und hoffen, daß man damit auf der eigenen Fahrbahnseite bleibt. Hier läuft es wie von selbst.
Und kurz hinter Namsos stimmt dann plötzlich auch das Gesamtpaket. Ganz relaxed segelt man mit 90 Sachen durch die sanft geschwungenen Kurven - genießt die Landschaft und die Abwesenheit anderer Verkehrsteilnehmer. Hin und wieder stört zwar eine kleinere Siedlung den Fluß. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn sogleich geht es wieder weiter. Natürlich habe ich unterwegs dabei ganz nebenbei einen Holländer mit seiner Africa Twin aufgeschnupft. Aber ganz lässig, ehrlich.
Wahnsinn! - nach dem ganzen Generve von gestern die totale Entspannung! Zwischendurch war zwar mal ein längeres Stück mit Rollsplitt. Aber das macht nichts. Davor und danach ist dieser Streckenabschnitt das Wohlfühlprogramm für jeden Motorradfahrer.
So, und morgen wird der Rest der FV 17 abgefahren.
Für die Statistiker:
Fahrzeit: 3:07 h
gefahrene Strecke: 211 km
Wetter: 6° Regen Wind bis 10° heiter
maximale Schräglage: 29° 😎
Ich startete standesgemäß bei 6° Regen und Wind. Mittlerweile macht mir das Wetter nicht mehr viel aus. Nur wenn sich soviel Wasser auf Visier und Brille befindet, daß ich nichts mehr sehe, nervt es noch. Das ist dann quasi so ein bißchen wie bei Media Markt Leipzig: "WO KANN MAN DENN MAL... HIER...DAẞ MAN MAL WAS SIEHT!"
Die FV17 ist bis kurz hinter Namsos nicht besonders aufregend. Es herrscht für norwegische Verhältnisse sogar relativ viel Verkehr. Allerdings fällt sofort auf, daß sie im Gegensatz zu den anderen norwegischen Straßen in einem relativ guten Zustand ist. Hier muß man sich nicht seine Linie zwischen Schlagloch und Bodenwelle suchen und hoffen, daß man damit auf der eigenen Fahrbahnseite bleibt. Hier läuft es wie von selbst.
Und kurz hinter Namsos stimmt dann plötzlich auch das Gesamtpaket. Ganz relaxed segelt man mit 90 Sachen durch die sanft geschwungenen Kurven - genießt die Landschaft und die Abwesenheit anderer Verkehrsteilnehmer. Hin und wieder stört zwar eine kleinere Siedlung den Fluß. Aber das ist nicht weiter schlimm, denn sogleich geht es wieder weiter. Natürlich habe ich unterwegs dabei ganz nebenbei einen Holländer mit seiner Africa Twin aufgeschnupft. Aber ganz lässig, ehrlich.
Wahnsinn! - nach dem ganzen Generve von gestern die totale Entspannung! Zwischendurch war zwar mal ein längeres Stück mit Rollsplitt. Aber das macht nichts. Davor und danach ist dieser Streckenabschnitt das Wohlfühlprogramm für jeden Motorradfahrer.
So, und morgen wird der Rest der FV 17 abgefahren.
Für die Statistiker:
Fahrzeit: 3:07 h
gefahrene Strecke: 211 km
Wetter: 6° Regen Wind bis 10° heiter
maximale Schräglage: 29° 😎
Dienstag, 19. Juni 2018
19.06. Eidsdal -> Malm ~525 km
Hab ich eigentlich schon geschrieben, daß es hier nicht dunkel wird? Na egal! Jedenfalls schlafe ich dadurch sehr spät ein und wache dafür umso früher wieder auf. Heute wurde die Aufwachphase durch ein ganz vertrautes Geräusch untermalt. Das stete Tropfen des Regens auf die Zeltplane. Ich drehte mich nochmal um und hoffte, daß der Regen nach einem weiteren Nickerchen schon aufhören würde. Dem war aber leider nicht so, und deshalb beschloss ich gegen 08:00 Uhr, meine Sachen zu packen und abzureisen.
Bei entspannten 4°C Regen und Wind zog ich warme Kleidung, die Leder- und die Regenkombi an und stopfte das quitschnasse Zelt in den dafür vorgesehenen Beutel. Danach gehen einem ganz schön viele Dinge durch den Kopf. Nicht etwa:"Ist es schädlich für das Zelt nass verpackt zu werden?" Sondern eher:"Was mach ich, wenn bei mir - verpackt wie eine Presswurst - ein erhöhter Stoffwechsel einsetzt?" Aber alles Jammern half nichts, also ab aufs Moped und los.
Zunächst ging es hinunter in den Hafen von Eidsdal und dann auf die Fähre, die mich über den Fjord bringen sollte. Auf der Fähre sprach mich ein Rentner aus Bremerhaven an. Er meinte, daß der Trollstigen auf der anderen Seite des Fjords noch weitergeht. Und er hatte Recht. Das Gebiet, durch das die 63 führt, heißt tatsächlich Trollstigen. Zwischendurch ließ der Regen nach, und die leidlich abgetrocknete Straße war sehr viel besser zu befahren als gestern der Teil zum Geirangerfjord hinunter. Wobei ich ganz ehrlich sagen muß, daß die ganz engen Serpentinenstrecken nicht unbedingt mein liebstes Kurvenrevier sind, höchstens mein zweitliebstes. Obwohl ich es ruhig angehen ließ, habe ich dann aber doch noch in einer Linkskurve wegen einer Bodenwelle irgendwas am Motorrad angeschrabbelt.
Das trockene Wetter war dann rasch vorbei, und der Regen und stürmische Wind legten wieder los. Die mittelprächtige Strecke, die mich über zwei weitere Fähren bis nach Brekstad führen sollte, war bei dem schlechten Wetter einfach nur anstrengend und öde. Die Fähre nach Brekstad hatte es dann aber wieder in sich. Die Gischt spritzte ständig aufs Deck und machte mich zusätzlich zum Regen noch mehr nass. Nur auf eine salzige Art. Durch die stürmische See war die Fähre so am Schaukeln, daß ich zudem meine Mühe hatte, das Motorrad nicht hinfallen zu lassen.
In Brekstad angekommen fuhr ich den örtlichen Supermarkt an, um ein wenig Verpflegung zu bunkern. Danach ging es weiter auf Campingplatzsuche. Ich wurde auch auch schnell fündig. Allerdings war die Rezeption nicht mehr besetzt, und unter der angegebenen Telefonnummer war nur die Mailbox zu erreichen. Also suchte ich im Navi nach dem nächstgelegenen Campingplatz am weiteren Verlauf meiner geplanten Strecke. Rissa Camping an der 720 war zwar noch ziemlich weit weg, aber falls sich vorher eine andere Übernachtungsmöglichkeit auftun sollte, würde ich eben die wahrnehmen. Und so machte ich mich auf die Suche.
Falls jemand mal auf die Idee kommen sollte, Rissa Camping an der 720 anzusteuern. Macht es nicht. Nach einer endlosen Sucherei reifte in mir die Erkenntnis, daß es diesen Platz wohl nicht mehr gibt. Auf den Koordinaten, die Calimoto für den Campingplatz ausweist, stehen allerdings zwei recht schmucke Einfamilienhäuser zum Verkauf.
Es ist nass, kalt und windig. Man hat den Kaffee voll auf und keine Lust mehr weiterzufahren. Was macht man da? Man haut nochmal richtig einen raus! Mit Wut im Bauch und in der Hoffnung, doch noch eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden, fuhr ich die 720 Richtung Malm. Kurz vor Malm kam dann auch endlich die Erlösung in Form eines kleinen rumpeligen Häuschens für 600 Kronen die Nacht. Bier auf, Essen warm machen und heiß duschen. Alles wird gut. Ich habe sogar die E-Zigarette wiedergefunden!
Die Strecke von Brekstad nach Malm ist eigentlich sogar ganz nett. Sie führt erst durch bergiges Gelände und später dann direkt an der Küste entlang. Bei gutem Wetter macht es bestimmt Spaß dort zu fahren.
Für die Statistiker:
Fahrzeit: viel zu lang
gefahrene Strecke: ~525 km
Wetter: 4° Regen und Sturm bis 13° bedeckt
Montag, 18. Juni 2018
18.06. Halvorseth -> Eidsdal 488 km
Es sind die ersten Verluste zu verzeichnen. Beim Zusammenräumen habe ich meine E-Zigarette und meine Ohrenstöpsel verbummelt. Egal, die Straße ruft!
Mal wieder führt mich Calimoto über traumhafte Strecken. Zwischendurch - wie auch schon gestern - geht der Asphalt immer wieder in Schotter über. Aber wenn Enduros auf der Straße fahren, dann kann man erst recht mit einer VFR Schotterwege langheizen. In einer schönen Rechtskurve - ich bin wieder auf Asphalt - denke ich noch:"Wer hat mir denn hier in die Kurve gekackt?" und sehe zwei Kehren weiter die Verursacher: Schafe! Eine ganze Herde. Die laufen hier einfach so rum, Kühe auch. Witzig!
Als ich die erste Kurvenhatz hinter mir habe, entdecke ich aus dem Augenwinkel einen Motorsägenhändler mit angeschlossener Tankstelle nebst Schnellimbiss. Zwei Reisebusse voll mit Asiaten machen auch gerade Rast. Es wird viel fotografiert, insbesondere vor der Trollfigur neben dem Eingang. Ich nutze die Gelegenheit und versorge mich mit neuen Ohrenpröppeln und zwei großen Hotdogs. Dann geht es auch schon wieder weiter.
Nach einer Weile bin ich wieder auf Schotter und stehe plötzlich irgendwo im Nirgendwo vor einer Schranke. Auf der anderen Seite der Schranke stehen zwei deutsche GS-Fahrer, wie sie im Buche stehen: Textilkombi, Alukoffer, Warnweste, Klapphelm und natürlich jede Menge Zusatzscheinwerfer und Reservekanister. Ein Riese und ein hagerer Hänfling. Der Große versucht dem Kleinen zu gefallen und redet mit einer aufgeregten Fistelstimme auf ihn ein. Der kleinere erwidert dabei nur ab und zu etwas. Er erinnert mich auf verblüffende Weise an Mr Burns von den Simpsons, deswegen nenne ich die beiden in Gedanken "Fisty und Burns". Das paßt irgendwie.
Das Schild an der Mautstation weist die kommende Strecke als "Panoramavegen" aus. "Schön" denke ich und zücke die Kreditkarte. Plötzlich blafft mich Fisty von der anderen Seite der Schranke an, daß ich doch wohl nicht mit meiner komischen Kiste diese Strecke unter die Räder nehmen wolle. "Warum nicht?" antworte ich. "Ich bin schon eine ganze Weile zwischendurch auf Schotter unterwegs gewesen!" Jetzt regt er sich richtig auf: "Alter das ist GRAVEL! Und Idioten wie Du gehen da mit ihren Dreckskisten gnadenlos unter!" Ich beschließe ihn zu ignorieren und wende mich wieder dem Kartenterminal zu. Fisty und Burns fahren endlich los.
Der Panoramavegen macht seinem Namen alle Ehre. Der Ausblick ist grandios. Alles sieht wunderlich aus und nicht wie von dieser Welt. Doch plötzlich brennt sich ein entwürdigendes Schauspiel in meine Netzhaut. Fisty und Burns stehen in Kackstuhlhaltung auf den Rasten ihrer Motorräder und versuchen mit etwa 30 km/h den "Gravel" des Panoramavegens zu bezwingen. Mit ordentlich Schlupf am Hinterrad und viel Dampf ziehe ich an ihnen vorbei, winke mit dem Mittelfinger meiner linken Hand und brülle:"Gravel, Alter! GRAVEL!!!"
Nach dem tollen Panoramavegen dachte ich, daß das jetzt nicht mehr zu toppen sei, doch ich sollte mich irren. Das Navi wies mich irgendwann an auf die 51 abzubiegen und für 65 km da drauf zu bleiben. Zunächst vermutete ich, das sei jetzt eine langweilige Überführungsetappe, doch die Strecke führte durch den kompletten Jotunheimen Nationalpark. Jotunheim ist in der nordischen Mythologie das Reich der Riesen. Und das ist wirklich grandios. Gewaltige Felsen, Schnee, Rentiere. Es war zwischendurch irre kalt und nass und doch unbeschreiblich schön.
Mit dem letzten Tropfen Benzin erreichte ich eine Tankstelle und versorgte erst einmal Mensch und Maschine mit allem Nötigen. Danach ging es weiter auf kleinen und großen Straßen durch traumhafte Landschaften. Zum Schluß stand mit Trollstigen, Geirangerfjord und Adlerstraße das letzte Highlight des Tages auf dem Programm. Die Landschaft war wieder einmal gewaltig. So als ob jemand alles Schöne der Welt eingesammelt und an einem einzigen Ort wieder ausgeschüttet hat. Leider war auf den Trollstigen viel Verkehr und es war nass, so daß die Strecke nicht so gut zu fahren war. Aber egal, auch die Trollstigen wurden gemeistert.
Ich habe Riesen und Trolle bezwungen. Ich bin Lodenhose. Das Schicksal ist unausweichlich.
Für die Statistiker:
Fahrzeit: 8h 45min
gefahrene Strecke: 488 km
Wetter: 3° Regen bis 17° Sonne
Sonntag, 17. Juni 2018
17.06. Hirtshals -> Kristiansand -> Halvorseth Camping (Prestfoss) ~ 340 km
Da ich heute rechtzeitig an der Fähre nach Kristiansand sein muß, ist noch einmal zeitiges Aufstehen angesagt. Den Wecker habe ich mir auf 07:00 Uhr gestellt, damit ich genug Zeit für alle möglichen Unwägbarkeiten habe. Um 6:30 Uhr wache ich von allein auf und stelle fest, daß die Sonne scheint. Allerdings nicht auf mein Zelt, denn das steht im Schatten. Zumindest die noch klammen Lederklamotten kann ich noch eine Weile in die Sonne zum Trocknen legen, bevor ich abfahre. Das Zelt packe ich nass ein.
Am Fähranleger klappt alles reibungslos. Beim Warten lerne ich noch eine nette Gruppe Motorradfahrer aus Minden kennen. Nachdem ich mein Moped fest verzurrt habe, gehe ich nach oben und stelle fest, daß ich ausnahmsweise mal was richtig gemacht habe. Die Idee im April das Frühstücksbuffet für 12 € gleich mitzubuchen erweist sich als goldrichtig. So habe ich nicht nur unbeschränkten Zugriff auf Kaffee und Wurst, ich kann mich auch während der gesamten Überfahrt in einem Bereich aufhalten, in dem sich kaum andere Menschen befinden. Und die Abwesenheit anderer Leute ist ja nun wirklich ein Qualitätsmerkmal.
Auf der Überfahrt ist das gute Wetter recht schnell vorbei und dichter Nebel zieht auf. Das Schiff macht 35 Knoten, ich gebe mein Bestes am Buffet und nach etwas mehr als 2 Stunden legen wir in Kristiansand an. Schnell das Motorrad abgeschnallt, den Mindenern einen Gruß entgegengehupt und ab geht es in den norwegischen Regen.
Beim Verlassen der Fähre hat man die Wahl zwischen 2 Spuren. Die für Leute, die nichts zu verzollen haben und die für alle anderen reuigen Schmuggler. Aus irgendeinem Grund haben heute alle etwas zu verzollen, so daß ich auf der komplett freien zollfreien Spur, ohne angehalten zu werden, schnell das Weite suche.
Ich halte noch einmal kurz an und ziehe mir dieses Mal die Regensachen über, bevor die Lederkombi komplett durchgeweicht ist. Dann geht's los...so richtig...mit dem Regen. Nach kurzer Zeit schüttet es wie aus Kübeln. Gleichwohl lasse ich mich unverzagt von der Navigationsapp über kleine kurvige Straßen führen. Eine gute Gelegenheit den angeblich so hervorragenden Grip bei Nässe auszuprobieren, den meine neuen Reifen haben sollen. Nach zwei Rutschern gelange ich zu der Erkenntnis, daß Fachredakteure auf einem Testgelände einen Reifen offenbar ganz anders bewerten als ein normaler Motorradfahrer auf einer richtigen Straße, und lasse es ruhiger angehen.
Nach über 2 Stunden Regenfahrt klart es plötzlich auf und die Straße trocknet ein wenig ab. Endlich kann ich mal ein bißchen am Kabel ziehen, und die beiden Leovince Tüten unter meiner Sitzbank verkünden den Norwegern erfreut meine Ankunft in ihrem Land.
Die Landschaft ist hier im südlichen Norwegen sehr abwechslungsreich. Eben war man noch in den Alpen, schon geht's durch das Auenland und kurz darauf landet man in einer kargen Felslandschaft. So fahr ich mich mit 80-90 Sachen im fünften Gang in einen schönen Flow. Gebremst wird durch Gaswegnehmen und Runterschalten.
Um 18:30 Uhr regnet es wieder stärker und ich beschließe nach einer kurzen Mahlzeit, den nächsten Campingplatz anzusteuern und für heute Schluß zu machen. Als das Zelt steht scheint wieder die Sonne.
Für die Statistiker:
Fahrzeit (Straße): ~6 Stunden
gefahrene Strecke: 341 km
Wetter: 10° und Regen bis 17° und Sonne
maximale Schräglage: 42° 😁
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